Verschobene Wahrnehmung

Eins vorweg: Jeder Tod und jede schwere Verletzung bringen Schmerz für die Betroffenen. Das gilt für alle Ereignisse, ob nun Erbeben oder Bombenanschlag. Wenn das Ereignis allerdings von Menschen bewusst und gewollt so gemacht ist, dann kommen je nach Anlass Angst, Ohnmachtsgefühl und Wut der Bevölkerung hinzu und es heißt Terror.

Es soll im Folgenden nun nicht darum gehen Menschleben oder Leid abzuwägen, da wohl jeder einzelne sein Recht auf unverletztes und würdevolles Leben hat, dem aus ethischer Sicht kein Geldbetrag gegenüber steht. (Was bei versorgungs- und versicherungstechnischen Betrachtungen sicherlich anders ist.)

Das Bombenattentat vom 16.04.2013 beim Marathon im amerikanischen Boston hatte nach jetziger Kenntnis laut Medien 3 Todesopfer. Zudem wurden über 100 Menschen teilweise schwer verletzt.

Sofort war das Ereignis als „Breaking News“ rund um die Welt kommuniziert, die nachfolgende Fahndung ebenso. Tausende von Sicherheitskräften waren an der Ergreifung der mutmaßlichen Täter beteiligt. Über ihre Arbeit wurde rund um den Globus permanent berichtet.

Einen Tag nach dem Ereignis explodierte eine andere Bombe an anderer Stelle. Dabei starben 10 Mal so viele Menschen und auch hier wurden etliche schwer verletzt. Der Anschlagsort war jedoch ein Café im irakischen Bagdad. Weltweit war es daher eher eine Randnotiz am Tag des Ereignisses. Eine Nachberichterstattung fand international kaum statt.

Obwohl es bei den Anlässen friedlicher Geselligkeit in Bagdad 30 Tote und in Boston 3 gab, wurde über das Ereignis in Amerika sicherlich mehr als 1.000fach intensiver berichtet und kommentiert.

So blenden wir als Zuschauer, ohne es zu merken bestimmte Sachen aus. Unser Bewusstsein wird auf ganz spezielle Weise gefiltert geprägt.

Insgesamt kein Einzelfall, denn die Berichterstattung ist ja eine Dienstleistung und die Zeitung eine Handelsware. Volkswirtschaftlich etwas, das deutlich von der Nachfrage geprägt ist. Und unsere Nachfrage richtet sich nach dem Grad der persönlichen Betroffenheit und unserem Verlangen nach Neuigkeiten. Das wird auch an anderen Zahlen deutlich.

In Afghanistan gab es in den letzten 5 Jahren fast 10.000 – 15.000 zivile Todesopfer. Hinzu kommen die militärischen Verluste auf allen Seiten. Bei den Kräften der Koalition waren dies etwa noch einmal genau so viel, wobei der überwiegende Großteil Afghanen waren.  Statistiken zu Getöteten bei den Taliban und Al-Qaida sind dabei kaum möglich, zumal diese Gegner oft im zivilen Leben beheimatet sind.

Hierzu ein Vergleich: Im mexikanischen Drogenkrieg gab es im gleichen Zeitraum mehr Tote. Auf  35.000 bis 50.000 Tote wird die Zahl der letzten 5 Jahren geschätzt. Allein in der Stadt Ciudad de Juarez überstieg die Zahl der Ermordeten über 3.000 Menschen pro Jahr.

Mit dem mexikanischen Drogenkrieg stiegen zudem laut Bericht der Vereinten Nationen (UNODC) auch die Todesdelikte im benachbarten Guatemala. Jedes Jahr wurden seit 2006 in dem kleinen Land über 1.000 Menschen umgebracht. Dies entspricht einer Quote von meist deutlich über 100 Toten pro Jahr je 100.000 Einwohnern. Somit gibt in manchen Jahren mehr als 100 mal so viel Tötungen pro Einwohner wie in der deutschen Hauptstadt Berlin.

Und doch sind unsere Bilder von Mexiko und Guatemala im Kopf traditionell mit Urlaub, Maya-Tempeln und Indiomusik besetzt.

Aus Afghanistan (wo Drogen durch die etwa 90%ige Versorgung des Weltmarktes mit Heroin auch eine zentrale Bedeutung haben) hingegen kommt nur Kriegsberichterstattung. Etwas anderes scheint auch nicht nachgefragt. Berichte über das wunderschöne schöne zentrale Hochland der Provinz Bamyan oder andere touristisch erschließbare Gebiete sind doch eher selten aus dem Land am Hindukusch.

Und so fahren wir zu den Überbleibseln der indigenen Hochkultur in das statistisch deutlich gefährliche Guatemala oder zum Badeurlaub nach Mexiko. Und das, obwohl die vergleichsweise sogar recht sichere Provinz Bamyan im Herzen Afghanistans Tourismus auch gut gebrauchen könnte und voll ist mit Naturschönheiten. Nur finden sich diese in keinem Tourismus-Katalog.

Und es ist keiner da, der unseren Fokus richtet und unser Interesse lenkt.

Der mexikanische Drogenkrieg jedoch könnte unsere Wahrnehmung und unsere Aufmerksamkeit schon bald erreichen. Laut Europol drängen diese Banden mehr und mehr zu uns nach Europa. Und dieses Drängen wird seinen Weg mit traurigen Anlässen in die Medien finden. Und die Nähe wird uns persönlich treffen.

Weit mehr als die Situation in Syrien, wo in etwas mehr als einem Jahr  über 60.000 Menschen starben.

Und auch weit mehr als die Situation im Kongo, wo mehrere Millionen Menschen im Bürgerkrieg fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit starben, staatliche Strukturen sich auflösten und auch heute noch ein tödlicher Kampf um Rohstoffe für unsere Handys und Spielekonsolen an der Tagesordnung ist.

Doch ganz gleich ob Boston oder Berlin, ob Mexiko, Afghanistan oder Kongo:

Die nicht gelebte Zukunft eines unschuldig getöteten Kindes wird in keinem Land der Welt mehr lebbar sein. Und wenn wir vieler Kinder Zukunft überhaupt lebbar machen wollen, sollten wir vielleicht unseren Blick auf diese Welt ab und an etwas neu fokussieren ohne das Bekannte zu vergessen, denn die Welt dreht und ändert sich.

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