Archiv für den Monat: Februar 2013

Surfen verändert dein Leben ….

In Filmen gibt es sie. Diese Surfer, die sich auf das Wesentliche ihrer Welt konzentrieren – aufs Surfen. Alles andere wird dabei zur Nebensache oder findet einfach nicht statt. Wer einmal mit dem Surfen anfängt, dessen Leben ändert sich radikal, so heißt es. OK – aber trifft das auf jeden zu? Stimmt das auch bei mir? Klappt das in jungen Jahren und auch im Alter? Ist die Änderung unausweichlich und dem Surfen innewohnend?

Da ich das Privileg hatte, in einigen Regionen gewohnt zu haben, die als Surferparadiese bekannt sind, kenne ich diese Sonderspezies der Gattung Mensch. Habe Surfer oft gesehen, mit ihnen geredet und keine Berührungsängste. Relaxt schienen sie immer. Freundlich und meist in Neopren gewandet mit einem Brett dabei.

Für eine persönliche Annäherung an die spezielle Materie an sich hilft allerdings nur der Selbstversuch. Also – Internet durchsucht und gebucht. Eine Woche später stehe ich weit weg vom deutschen Winterfrost in Moro Jable auf der spanischen Kanareninsel Fuerteventura, eine der vulkanischen Inseln vor der Küste Afrikas. Ganzjährig bestes Wetter bei leicht eintöniger Landschaft und exzellente Surfbedingungen für meine Surfkurs-Woche.

Erster Tag: Trotz des möglicherweise gravierenden Umschwungs in meinem zukünftigen Leben brauche ich wenig zum Kurs. Kleine Ausrüstung – große Wirkung. Also Handtuch, Sonnencreme, Essen und Trinken im Rucksack und ab mit dem Jeep und anderen Neulingen zum Strand. Große Dinge fangen eben oft klein an. Ich soll auf dem Brett liegen und wie ein Adler mit den Wellen zum Strand gleiten. Nicht immer komme ich richtig in den schwebenden Flug des Adlers. Statt dessen merke ich nach einiger Zeit eins. Der Adler wird müde. Der erste Tag endet dann mit einem feinen Muskelkater an Stellen, die ich bislang muskelfrei wähnte.

Zweiter Tag: Langsam an den Tag gewöhnen und dann wieder in der Gruppe mit Brettern zum Strand. Neoprenanzüge anziehen, Aufwärmen, Strömungen erklärt bekommen und dann in die Wellen. Diesmal kommen sie lang, nicht zu hoch und schön gleichmäßig. Ein Traum für alle Anfänger. Ich habe ein Longboard bekommen, das mich bei Weitem überragt. Es liegt total stabil im Wasser und eigentlich sollte es leicht sein aufzustehen, wenn ich vor der Welle gleite. Ist es aber nicht. Und ich glaube, das liegt an mir. Aus dem Liegen schnell in einen sicheren geduckten Seitstand zu kommen, habe ich so spontan irgendwie nicht drauf. Aber es hat sich immerhin ein besseres Gefühl für Brett und Wellen eingestellt. Auf dem Rückweg sprechen wir noch kurz über den legendären alten Film „Endless Summer“ von 1966. Mit ihrer Surfreise um die Welt folgten die Macher dem Sommer. Ein cineastisches Monument, das auch heute noch – fast ein halbes Jahrhundert später  – bei Surfern bekannt ist.

Dritter Tag: Alles wird gut. Heute soll ich einen „Take-Off“ machen und auf dem Brett stehen. Ich bin gespannt. Die Trockenübungen am Strand verlaufen OK. Im Wasser allerdings sieht es dann anders aus. Es sind kurze Wellen, die gerade brechen mit viel und viel Schaum produzieren. Das Aufstehen fällt nicht nur mir schwer. Irgendwie schafft es keiner richtig, aber der nächste Tag ist ein neuer Tag mit neuer Chance.

So langsam beginne ich zu begreifen, dass es mir vielleicht beim Surfen nicht nur um das Gleiten auf einer Welle geht. Vielmehr ist es das Einlassen auf etwas Neues. Das sich der Natur Unterordnen und sie zur eigenen Freude nutzen.

Vierter Tag: Die Bedingungen sind gut. Lange Wellen, die sich immer schräg zur Küste brechen. Jetzt muss ich es nur noch schaffen, meinen Körper in die richtige Position zu bringen und das möglichst schnell. Immerhin stehe ich irgendwann kurz auf dem Brett, wobei die Betonung auf kurz liegt.

Surflehrerin Katie hatte ich einfach mal gefragt, was ich tun müsse, um Surfen zu lernen. Ihre  Antwort: „Immer üben, üben, üben und wissen, dass du nie mit dem Lernen fertig wirst.“

Soll heißen, es gibt immer eine noch größere, bessere Welle da draußen und deine Fähigkeiten ändern sich, ebenso wie es viele verschiedene Surfbretter gibt. Keiner kann wohl das, was Natur, Technik und eigene Fähigkeiten zusammen bieten in allen Kombinationen perfekt lernen.

Nun denn, ich bin mit meinem vierten Tag zufrieden. Es gab das Meer und Wellen, ein Anfängersurfbrett und mich mit begrenzten Möglichkeiten. Aber ich habe mich verbessert. Wenn auch nicht viel. Doch die Skala ist ja nach oben offen.

Fünfter Tag: Der letzte Tag. Jetzt und hier für mich die letzten Wellen – die letzten Chancen. Es ist bedeckt, der Wind bläst kühl. Ich gehe weiter raus. Da sind die Wellen kraftvoller. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellt. Schon bei der zweiten Welle werde ich wunderbar nach vorne getragen und kann in aller Ruhe aufstehen. Leider klappt es mit dem Lenken dann nicht so wie geplant und ich bin schon bald wieder in der Gischt, im flachen, weißen Wasser.

Egal. Das Gleiche gelingt mir dann noch ein paar Mal. Ein mir wichtiges Etappenziel ist erreicht. Insofern leiste ich mir den Luxus und höre etwas früher auf als die Wellen nachlassen. Am letzten Tag möchte ich mir den schönen Abschluss nicht kaputtmachen. Also – das war’s für den Anfang.

Fazit: Ich war eine Woche weg. Raus aus dem Trott. Frühling im Winter. Etwas Neues habe ich gelernt oder mich zumindest bemüht. Die Sache an sich, also das Surfen, werde ich wohl noch einmal versuchen. Da habe ich auch als älterer Mensch noch alle Zeit der Welt. Ich will ja keine Meisterschaft gewinnen. Was die körperliche Beanspruchung betrifft, ist Surfen eine sanfte Sportart, die den ganzen Körper fordert. Also etwas, das auch im Alter noch geht und keine Gelenke kaputtmacht.

Das eine Gute: Die Herausforderung wird immer bleiben – ganz gleich, welchen Level ich erreiche.

Das andere Gute: Die Leute, die ich traf, die mit mir surften, waren international, offen, relaxt und hatten Spaß, bei dem was sie taten – eine gute Gesellschaft.

Also: Ich werd’s wohl noch mal probieren. Große Veränderungen brauchen Zeit.