Das sind doch nicht wir! Grau, schmucklos & selbstreinigend.

Die für Bürger ausgestellten Pflaster waren bis auf das rote im Bild allesamt in Grautönen.
Eines der vielen grauen Pflaster heißt bezeichnenderweise „Park Avenue – stahlgrau“.

Die Bürgerbeteiligung zur zukünftigen Gestaltung der Gelderner Innenstadt war bislang weder repräsentativ, noch wirklich informativ zum grundsätzlichen Verständnis und zukünftigen Selbstbild der Kommune.
Aber es kann ja noch besser werden. Doch die Zeit läuft.

Geldern soll eine natürliche Land-Leben-Stadt bleiben.
„Grau, schmucklos und selbstreinigend:
Das sind doch nicht wir!“

Gut, dass die Stadt die Bürger fragt. Schade, dass die Einladung zum Infotag wohl nicht alle Zielgruppen erreicht hatte. Schade auch, dass die drei verschiedenen Infogruppen zeitgleich angeboten wurden. Und ebenfalls schade, dass es keine Information zum Selbstbild Gelderns oder dem demografischem Wandel gab. Da war ein repräsentatives Bild der Zukunft dann irgendwie von vornherein ausgeschlossen.

So trafen sich fast nur die etwas älteren Semester. Etwa 15 -20 in jeder der parallel laufenden  Themengruppen. Die jungen Gelderner und die in höheren Alter fehlten hier. Doch gerade für diese beiden Bürgergruppen ist die kommende Umgestaltung der Innenstadt entscheidend. Für die einen, da die jetzige Planung Maßstäbe der nächsten 30 Jahre setzen soll, für die anderen, da sie immer mehr mit Einschränkungen leben müssen, sei es nun Alters-Sehschwäche oder Gehbehinderung.

Die „Best-Ager“ die gekommen waren, wurden etwas enttäuscht. Die Vorauswahl der Materialien war ebenso eingeschränkt, wie der Planungsspielraum.

Dunkelroter Steinboden wurde als sommerlicher Hitzespeicher in die „Wohl kaum machbar“ Ecke gestellt und fand sich dann auch in den Exponaten nicht wirklich wieder. Dort herrschte  Grau in etlichen Variationen vor. Ähnlich schlichte und unauffällige Eleganz gab es auch bei Sitzmöbeln und Straßenlaternen. Graue schmale Stabformen dominierten jegliche Vorauswahl. Eine Weiterverwendung der vorhandenen älteren Doppellaternen mit einer Leuchtmittelumrüstung wurde irgendwie  kategorisch ausgeschlossen. Schließlich gibt es für eine Umrüstung auch keine Fördermittel, auch wenn sie letztendlich billiger sein könnte.

Diese Form der Bürgerbeteiligung brachte ein Team der WDR-Lokalzeit live zum Ort. In Interviews gab es dann aber durchaus kritische Stimmen der Gelderner Bürger. Tenor: So schmucklos und grau – das sind doch nicht wir. Dem schließe ich mich an.

Mein persönlicher Eindruck:

Es geht hier um die Gestaltung der Schlüsselprojekte 1 und 2. Darin sind die beide neuen Kaufhäuser. Also der Bereich an der Berufsschule für ein geplantes Edeka-Kaufhaus und der um die ehemalige Woolworth-Liegenschaft, die H&M aufnehmen soll.

Hier wird möglicherweise ja graue, schlichte Eleganz des Straßenbildes von Investoren gern gesehen. Und diese Bereiche sollen ja als erstes konkret neu gestaltet werden. Der größere Teil der Umgestaltung und insbesondere nördlich von Markt und Issumer Straße hingegen scheint nach Aussagen der Planer noch deutlich unsicher was Terminlage und Realisierung angeht. Da wird es zusätzlicher Gelder bedürfen, die heute noch nicht geplant sind.

Mir stellen sich Fragen:
Reicht dies alles also für die Gestaltung des gesamten innerstädtischen Raumes einer „Land-Leben-Stadt“? Sind hier nicht eher andere Kriterien gefragt?
Kann das Bodenpflaster nicht doch rot sein? Denn so speichert es schön die frühen und späten Sonnenstrahlen im Frühling oder Herbst. Und wirklich heiß ist es bei uns eh nur an ein paar Sommertagen.
Muss wirklich alles gleich weggeschmissen und neu gemacht werden, was sich lange bewährt hat? Manchmal reicht eine Nachrüstung oder Überholung, auch wenn es dafür keine Fördergelder gibt.
Und braucht schlussendlich nicht das Landleben eine gehörige Portion Natürlichkeit? Bäume und Grün brauchen zwar Pflege und bieten Vögel Platz. Doch wer nach Geldern hineinfährt wird mit Fahnen der „Land-Leben-Stadt“ begrüßt und da sollte er eigentlich nicht in einer grauen, schmucklos gestylten Designer-Steinwüste mit den ewig gleichen Franchise-Outlets ankommen.

Mein Vorschlag:
Nehmen wir uns doch Zeit für so ein Generationenprojekt unserer Stadt und nutzen die Instrumente der Marktforschung und des Marketing.

Also werte Mitglieder des Bauplanungsausschusses:
Bitte holt uns Gelderner Bürger mit mehr Informationen da ab, wo wir sind.  Fragt genauer, was wir gemeinsam für die Zukunft in unserer „Land-Leben-Stadt“ Geldern wollen.

Und noch eine Bitte:
Gebt uns Bürgern vor der Befragung mehr Informationen, was wann wie passieren soll und auch, welche Kosten auf uns Anlieger zukommen.

Herzlichst als Bürger aus Geldern

Michael Freienstein

Medienverweise:
Integriertes Handlungskonzept für die Innenstadt von Geldern
erstellt von Junker&Kruse Juni 2013
https://www.geldern.de/C125721A002E05DC/files/ihk_geldern.pdf/$file/ihk_geldern.pdf?OpenElement

Weitere Termine dazu:

Dienstag, 26.04.2016 – Sitzung Bauplanungsausschuss 18:00 Uhr im Bürgerforum

Kommune in Flüchtlingsfragen: Führen, nicht folgen!

In traditionellen Gebieten führen die Ältesten.
Wer führt bei uns?

Mit Ratsentscheidung sollen nun alle Sammelunterkünfte für Flüchtlinge in der Stadt, in der ich lebe mit freiem WLAN- Internet versorgt werden. Das ist gut. Die Kommune selber verzichtet aber auf den Einsatz von Internet als eigenes Informationsmittel im Thema und überlässt den Raum hier vollständig diversen privaten Interessen. Ein kommunales Konzept für Flüchtlinge und Helfer zur integrativen Nutzung des geschaffenen freien Internetzugangs ist mir nicht bekannt. Das ist weniger gut.

Es ist eine der konzeptionellen Lücken, die wohl nicht alleine steht und Anlass für den nachfolgenden Brief ist. Hier KLick zum Audio-Blog: “Bitte mit Konzept führen..”

Liebe Kommune vor Ort: Bitte mit Konzept führen, nicht folgen!

Ich bin ein Bürger. Und um eines gleich vorwegzunehmen, das Folgende schreibe ich nicht, weil ich fast vier Jahrzehnte im Dienste des Staates war. Nicht, weil ich auf vier Kontinenten gelebt und gearbeitet habe. Nicht, weil ich am eigenen Leib professionelle Migrationshilfe erfahren durfte. Nicht als Kommunikationsexperte und nicht als Berater für lokale, nationale und internationale Institutionen und Projekte.
Das alles gehört zum Hintergrund.

Dies hier schreibe ich als Bürger (m)einer Stadt. Als Bürger, der sich seid über einem Jahr freiwillig hier vor Ort um Flüchtlinge kümmert. Ohne Amt, aber mit Ehre und Respekt. Etliche Hundert Stunden allein im laufenden Jahr. Alles inklusive: ungezählte Tassen Tee, gesuchte und wieder gefundene Verwandte, nicht verhinderte Schlägereien und ein Suicid, Spaß beim Sprachunterricht, vermittelte Berufshospitationen, Rechtsanwaltsbesuche, Konferenzen, Finanzprobleme, gemeinsame Vortragsarbeit und immer wieder Zuhören, Reden, Lernen.

Als Bürger in meiner Stadt weiß ich, das Flüchtlingsthema nahm bei uns dies Jahr deutlich Fahrt auf. Konnte mir die Stadtverwaltung vor zwei Jahren noch kaum einen Kontakt zu Flüchtlingen herstellen, so ist dieser Personenkreis heute Schwerpunktthema in Politik und Verwaltung. Aktuell gibt es eine bunte Vielfalt von Handelnden im Thema. Die Skala reicht von Gesellschaften mit beschränkter Haftung, über Privatunternehmen oder Verbänden, bis hin zu Einzelinitiativen, Sprachpaten, Alltagsbegleitern und Um-Alles-Kümmerer.

Jeder mag in seiner Rolle wichtig sein. Einige laden zu Netzwerktreffen, Infoabenden oder Schulungen ein, andere haben einen Stammtisch oder Internetseiten, noch andere verbreiten Wahrheiten aus ihrer ganz speziellen Sicht. Jeder so, wie er mag oder wie es ihm liegt.

Eine gesamtgesellschaftlich begründete Zuständigkeit haben aber nur Politik und Verwaltung. Der Stadtrat und die ausführende Verwaltung definieren vor Ort die Umsetzung von Gesetzen und Vorgaben im Sinne aller Bürger. Sie stehen hier lokal in der Verantwortung für die ankommenden Flüchtlinge. Eine Verantwortung, die eben nicht von privaten Gesellschaften oder Einzelpersonen übernommen werden kann.

Und eines ergibt sich schlüssig: Wer in der Verantwortung steht, der führt.

Da mag es zwar bequem und vielleicht ab und an auch legitim sein, diese Führung teilweise abzugeben. Aber die Gesamtverantwortung bleibt. Und damit die Verpflichtung zur Übernahme der Gesamtführung bei der konzeptionellen Umsetzung.
Aus meiner Sicht heißt das vor Ort bei mir:
Rat und Verwaltung der Stadt müssen sich hier ihrer Verantwortung in Gänze stellen und den Prozess vor Ort führen. Folgen können andere. Führen müssen die Offiziellen. Und die Führenden in der Kommune tragen auch die Verantwortung für ihr Handeln.

Führen heißt vor allem zwei Dinge: Das Ziel kennen und kommunizieren!

Dazu kommt: die Mannschaft motivieren, Freunde und Förderer gewinnen, Bündnisse mit Unternehmen, Privaten und Gesellschaften schließen. Den Weg vermittlen. Gemeinsam gehen und ankommen. Die Gesamtverantwortung für das Gelingen und auch ein Scheitern tragen.

Da hilft es nicht, sich einfach einmal zum großen runden Tisch zu treffen.
Es braucht viele Treffen. Kleine und große, in unterschiedlicher Art mit verschiedenen Leuten und Themen. Aber insgesamt koordiniert geführt, frequent wiederholt und zielbewusst.

Da hilft es nicht, wenn diverse private Organisationen nach eignen Vorgaben Handlungsfelder für sich und andere definieren.
Es braucht klare Koordination in Faktoren wie Raum, Zeit und Kompetenzen. Wer soll hier vor Ort in welchem Bereich was mit wem machen? Wer stellt welche Logistik? Wer hat welche Kapazitäten und Kompetenzen? Welche Örtlichkeiten stehen zur Verfügung? Welche Standards sollen gelten?

Da hilft es nicht, wenn Freiwillige diverse Internetauftritte nach eigenem Gusto gestalten.
Es braucht eine klare Quelle mit einfacher, stimmiger Struktur und aktuellem Inhalt. Benutzerfreundlich, informativ und ständig gepflegt. Das Ganze perspektivisch verlässlich und professionell in die Gesamtkommunikation eingebunden.

Da hilft es nicht, eine Erreichbarkeit für Fragende und Interessierte nur mit E-Mail-Adresse oder telefonischem Besetztzeichen zu haben.
Unmittelbare, fachkundig übergreifende Aussagen und ebenso verlässlicher, wie schneller Umgang mit Information sind angesagt. Ein kompetentes Frontoffice mit Fachwissen und echter Erreichbarkeit.

Da hilft es nicht, von Laienhelfern zu hören oder zu ahnen, dass sich Unheil anbahnt.
Jede Schlägerei unter Flüchtlingen in ihren oft engen Unterkünften, jeder Suicid oder auch der Versuch – alles kommt nicht plötzlich. Doch Laienhelfer sind nicht sicher im richtigen Umgang mit traumatisierten Personen. Hier kann Unheil vermieden werden, wenn auf Zuhören ein schlüssiges Handeln erfolgt. Ein professionelles und verantwortungsvolles Handeln.

Da hilft es nicht, wenn die Politik nach ihren Entscheidungen Wissensdefizite beklagt, die die Verwaltung hätte vorher ausräumen können.
Der ständige offene Dialog zwischen Verwaltung und Politik ist in beiden Richtungen immens wichtig. Ohne ihn kommt es zu Fehlentscheidungen und zu vermeidbaren Schieflagen.

Da hilft es nicht, Helfern den Ratschlag zu geben, einfach mal zu machen und geltendes Recht nicht so wichtig zu nehmen.
Es sind doch gerade unsere Regeln und Gesetze, an die wir die Neuankömmlinge gewöhnen wollen. Das ist nicht immer bequem und oft mühselige Lektüre. Aber wir können doch nicht einfach eine Leitkultur der Gesetzesumgehung vermitteln.

Sei es drum:
Was aber immer gut hilft, ist respektvoller Umgang. Auch das kann gelernt werden.

Also liebe Politik und Verwaltung in meiner Stadt, dort wo ich Bürger bin, dort wo ich in der großen weiten Welt mein Zuhause habe. Dies ist für euch:

Ich weiß, ihr könnt das alles. Ihr könnt es eigentlich sogar viel besser, als ihr es aktuell macht. Ihr müsst nur wollen.
Und sagt nicht, ihr habt zu viel zu tun. Ihr seid gewählte Bürger im Rat oder Profis in Sachen Kommunalverwaltung. Und Verwaltungsbeamte haben schließlich gelernt, wie Organisationen sich Herausforderungen anpassen können. Wenn es für den Alltag nachhaltig zu komplex wird, vielleicht schafft ihr eine „Besondere Aufbauorganisation“.

Ohne Wenn und Aber gilt:
Ihr seid in der Verantwortung!
Ihr führt und koordiniert die anderen, die euch folgen.

Das Gute daran:
Je besser ihr es macht, desto mehr werdet ihr selber entlastet.

…. Und für einen einfachen Start mit neuem Bürgermeister könnte zeitnah eine eigene kompetente städtische Internetseite zum Thema ein kleines Signal sein. Eine gute Gelegenheit das Thema und Lösungsansätze zu strukturieren und Leitgedanken zu kommunizieren.

Da können dann auch neben verlässlicher und aktueller Information alle Gesprächskreise und Aktionen im Kalender stehen. So weiß jeder der helfen will, wo auch er am besten Kontakt findet und wer ihn dahin führt. Euer IT-System gibt das sicher her.
Dass es einfach und schnell geht, zeigen die Seiten der Freiwilligen, anderer Privater und Gesellschaften zur Genüge. Jetzt seid ihr dran. In eurem und dem weltweiten Netz.
Ich weiß, ihr schafft dass und es gibt viele, die euch motiviert folgen, wenn ihr kompetent und konsequent zielorientiert führt.

In dem Sinne freue ich mich auf eine professionelle Führung, respektvollen Umgang und Dialog auf Augenhöhe. Hier vor Ort, genau dort, wo die Flüchtlinge bei uns ankommen.
Also werte Verantwortliche aus Politik und Verwaltung in meiner Stadt:

Habt eine Vision und bestimmt eure Ziele!

Fasst diese Ziele in klar definierte Pläne!

Setzt diese Pläne in gemeinsamen Aktionen um!

Und an alle Privatfirmen, Gesellschaften, Vereine, ehrenamtliche und freiwillige Helfer:
Das Thema ist für uns alle wichtig und komplex. Zu wichtig und zu komplex, um auf eine einheitliche Führung, klare Zielvorgabe und Gesamtkonzeption im Sinne der Gemeinschaft zu verzichten.
Wir sind alle gemeinsam auf unserem Weg zu unserem Ziel in unserer Stadt, heißt die Devise!

Schließlich ist es dann auch für alle schön, wenn wir stolz auf unsere Stadt sein können.

Herzlichst euer Bürger

Michael Freienstein

Welche Wahrheit zählt?

Buch im örtlichen Handel und online.

Ja, die Wahrheit. Gibt es sie? Und wenn ja, wie viele? Ich habe da mal ein Dutzend Erzählungen mitten aus dem Leben geschrieben und in ein Buch gepackt.
Authentische Ansichten und diverse Ereignisse aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet. Richtiges scheint so nicht immer richtig und Falsches nicht immer falsch. Letztendlich bleibt es dem Leser selbst überlassen, seine eigene Position in dieser Welt zu den Dingen
zu finden.

Jede einzelne Geschichte ist für sich spannend und kritisch, weil sie oft unbekannte Hintergründe beleuchtet und von Ereignissen berichtet, die die Seele berühren, weil Menschen einfach oft zu früh und scheinbar sinnlos sterben. Immer geht es um die Welt, in der wir leben. Eine Welt, von der wir nicht alles wissen können, auch wenn wir es gerne möchten.

Ob nun Krieg in Afghanistan, Strafverfolgung bei Kindesmissbrauch und Bürokratie in Europa oder Spiele um Macht und Millionen in Mittelamerika – jede einzelne Story nimmt  mit auf eine ganz außergewöhnliche und glaubhafte Reise zu den unterschiedlichsten Orten auf dieser Welt. Eine Reise, die alles ist – nur nicht langweilig und mit Fotos dieser Welt als Ansichtskarten illustriert ist.

Kurz gesagt: ein Buch, gemacht wie ein Puzzle unserer Wirklichkeit. Zusammengesetzt und betrachtet auf eine neue Art und Weise. Ein Buch mit unterschiedlichsten Geschichten von verschiedenen Kontinenten für Schnellleser, Tiefsinnige, Alltagsphilosophen, Querdenker, Naive und alle, die offen sind für die Realität und verschiedene Sichtweisen.
Dies ist also Werbung in eigener Sache und für ein Buch, das anders ist als andere und dabei Perspektiven aufzeigt. Wer es lesen möchte findet es unter dem Titel:

Welche Wahrheit zählt?
Ansichten aus Zimmer 479

Willkommenskultur in Geldern: Bessere Integration durch kommunikative Isolation?

Via Internet kostengünstig in die Heimat telefonieren – für viele Mitmenschen in der Fremde ein Bedürfnis. Für Menschen auf der Flucht vor Krieg und Krisen ganz besonders. Deutsch ohne finanziellen Aufwand online lernen, auch ohne erst nach Monaten genehmigten Sprachkurs – für viele Flüchtlinge wirklich hilfreich. Im niederrheinischen Geldern schien alles bestens für die Flüchtlinge in Sammelunterkünften, obwohl sie als „Untergebrachte“ und Nicht-Mieter kein eigenes Internet anschließen lassen dürfen.
Die technischen Voraussetzung lagen überwiegend vor. In einer ersten Unterkunft war dank privater Initiative und einer kooperativen Stadtverwaltung nach rechtlicher Prüfung bereits ein Präzedenzfall geschaffen. Es lief gut. Das Modell sollte auf andere Sammelunterkünfte übertragen werden. Doch dann kam alles anders als gedacht.

Ein Antrag, der kommunale Haupt-, Sozial- und Finanzausschuss möge beschließen, „die Verwaltung zu beauftragen, in allen städtischen Flüchtlingsunterkünften der Stadt Geldern in den nächsten sechs Monaten freies und kostenloses W-Lan bereitzustellen.“ wurde dort mit 8 : 7 Stimmen abgelehnt. Das Protokoll der Sitzung vom 11.06.2015 ist nunmehr öffentlich zu lesen. Die dort festgehaltenen Argumente verblüffen:
Zu lesen sind dort Argumente wie
„…. dass Integration und Heimatkommunikation nicht ganz zusammen passen ….“
und
„…. Flüchtlinge sollten nicht vor dem Internet sitzen sondern raus unters Volk gehen. …“ Zudem wird von einem Ausschussmitglied festgestellt, dass freies und kostenloses Internet für eine bestimmte Gruppe gefordert wird und er fragt, ob hier anders verfahren wird als bei anderen öffentlichen Leistungsbeziehern. Er fragt weiter, was diese Gruppe besser stellt.

Ist dies also in der Lebenswirklichkeit die Willkommenskultur, von der unser Bundespräsident zum Weltflüchtlingstag sprach? Kommunikative Isolation von der Heimat und alternativ ein Gang über den Gelderner Marktplatz, wo die Sprachbarrieren zur heimischen Bevölkerung riesig sind. (Offizielle Deutschkurse gibt es ja erst nach monatelangem Warten auf Anerkennung und ein Lernen über freies Internet soll ja aus Sicht der kommunalpolitisch Verantwortlichen nicht sein.)

Da ist ein Gelderner Bürger, der öfter Kontakt zu Flüchtlingen hat, doch erstaunt. Online-Sprachkurse und möglichst einfache Kommunikation mittels Internet in die Heimat erschienen doch eigentlich immer psychisch stabilisierend und integrationsfördernd.
Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Doch eine Frage stellt sich:
Haben die politisch Verantwortlichen mit christlich demokratischen Grundwerten hier gute Chancen grundlos vertan? Denn es gibt für freies Internet in Sammelunterkünften eigentlich ja keine technischen, rechtlichen oder finanziellen Probleme …

Link zum Quellen-Ratsprotokoll
Bitte oben auf den Link klicken. Ursprüngliche Adresse war https://agendaservice.net/ratsinfo/geldern/852/b2VmZmVudGxpY2hlcyBQcm90b2tvbGwgRG9rdW1lbnQ=/9/n/37701.doc

Nachtrag 15.09.2010:
Die CDU-Fraktion in Geldern hat mir nach Überprüfung ihrer Informationslage zum Thema heute mitgeteilt, dass sie nun der Meinung ist, dass “die Einrichtung von freiem WLAN in den Gelderner Sammelunterkünften eine Notwendigkeit ist. Einem neuen Antrag würden wir somit zugstimmen.”
Einen entsprechenden Bürgerantrag habe ich heute beim Bürgermeister eingereicht und hoffe auf eine positive Abstimmung zum Thema.

Nachtrag 24.09.2015
Der Rat der Stadt Geldern hat in seiner aktuellen Sitzung den Bürgerantrag für eine Einrichtung von freiem WLAN in allen Sammelunterkünften für Flüchtlinge einstimmig angenommen. Ich denke, nun haben alle gewonnen – insbesondere die Flüchtlinge in ihren Sammelunterkünften. Sie können jetzt ohne immense Handykosten in die Heimat telefonieren und haben Zugriff auf elektronische Übersetzer- und Lernprogramme.

Unterschiede beim Informationshandel

Geld und Vertrauen

Oder:

Warum lassen Staaten, die Steuer-CDs kaufen andere Whistle-Blower in die Pleite gehen?

Ein Whistle-Blower ist jemand, der etwas aufdeckt. Ein Informant. Derzeit in den Medien in Zusammenhang mit dieser Bezeichnung: Edward Snowden, der jetzt  im Exil auch noch fast pleite sein soll. Auf der Flucht sein kostet scheinbar Geld und die Asylangebote sind ja bekanntlich eher begrenzt.

Aber es gibt auch andere Informanten, die etwas aufdecken und denen es ungleich besser geht. Die Insider zum Beispiel, die sogenannte „Steuer-CDs“ an unsere Finanzämter verkaufen. Sie erhalten schließlich Summen in Millionenhöhe für ihre größtenteils wohl ebenfalls illegal beschafften Informationen.

Kurzes Fazit:

Herr Snowden gibt Informationen, die teils illegale Praktiken internationaler Geheimdienste aufdecken helfen und bekommt weder Geld noch langfristige Asylperspektiven.

Andere Personen, die Informationen verkaufen, mit denen einige Begüterte belastet werden, stehen sich da deutlich besser und sitzen auch nicht perspektivlos im Ausland.

Signifikante Unterschiede der beiden Informationsgeber:

  1. Den steuerlichen Whistle-Blower bezahlt der Staat, um Bürger den Pranger zu stellen und ausstehende Gelder zu erhalten.
  2. Den Geheimdienst Whislte-Blower bezahlt niemand. Er belastet ja auch nicht Privatpersonen, sondern stellt Staatsdienste an den Pranger, die offenbar für viel Geld  teilweise illegal arbeiten.

Frage:

Wird es da nicht Zeit, eine Möglichkeit zu finden, dass der Staat auch die Informationen von Leuten wie Herrn Snowden bezahlt und honoriert im Sinne aller Bürger?

Denn:

Letztendlich schützen beide Informationspakete, also die steuerliche und die geheimdienstliche Information  die Interessen der Bürger – die einen eher die finanziellen, die anderen mehr die ideellen Interessen. Aber in beiden Fällen schafft es der Staat selber offensichtlich nicht, den Rechtsverletzern auf die Spur zu kommen und ist so auf die Hilfe von Whistle-Blower angewiesen.

Der selbstgemachte Feind: Korruption in Afghanistan

Anti-Corruption Campaign

Ein Plakat der 2009er Kampagne des afghanischen Innenministeriums gegen Korruption in Afghanistan mit Unterstützung der europäischen Polizeimission EUPOL.

Wie ist das bitte zu verstehen?

Die Ausgangslage:

a)     Wenn ich der New York Times, Ex-CIA Leuten und Vertretern der afghanischen Regierung glaube, so bestach die US-amerikanische Central Intelligence Agency –CIA- über Jahre in Afghanistan über die afghanische Regierung.

Zu dieser Einschätzung der versuchten Einflussnahme durch Geldzahlungen seitens des CIA gibt es deutlich mehr Zustimmung als Dementis.

b)     Bestechungsgelder bedeuten Korruption und werden  vom Grundsatz her weltweit als kriminell eingestuft.

c)     Afghanistan, die USA und die meisten Partnerländer haben alle die Übereinkunft der Vereinten Nationen gegen Korruption unterzeichnet. Besonders wichtig wird darin die Korruptionsvorbeugung bezeichnet.

d)     Die CIA ist eine US-Staatsbehörde und handelt weisungsgebunden im Auftrag der US-Regierung.

e)     Die afghanische Regierung und ihre Ministerien handeln im Sinne des afghanischen Volkes oder der Wähler, sofern die Wahl nicht korrupt ablief.

f)      Die meisten fachkundige Organisationen und Regierungsmitglieder sagen, die  Korruption ist Wurzel vieler Übel in Afghanistan.

Mögliche Fragen:

a)     Sind im Falle einer derartigen Korruption dann also die Regierungen der USA und Afghanistans die Wurzeln so mancher Übel?

b)     Und wenn dem so ist, warum machen dann so viele Bündnispartner der Amerikaner, die Amerikaner selbst und auch die Afghanen „Anti-Korruptions-Kampagnen“ in Afghanistan? (Im Bild oben ein Kampagnenplakat des afghanischen Innenministeriums mit Unterstützung der europäischen Polizeimission EUPOL.)

Mögliche Folgerungen:

Wenn alles so sein soll mit der Korruption, wie es angenommenerweise ist, dann könnte viel Geld gespart werden. Werden weiter Korruptionsgelder gezahlt, dann kann man sich die teuren Kampagnen und Untersuchungen gegen Korruption sparen. Da liegen sicherlich etliche Euro und Dollar Sparpotenzial.

Wenn es aber nicht so sein soll mit der Korruption, weil sie eben widerrechtlich ist, dann sollte es doch irgendwelche Konsequenzen haben, da nun sehr öffentlich ist (und kaum dementiert wird), wie es wohl zugeht. Das würde dann die Korruptionsgelder sparen. Obwohl mögliche Ermittlungsverfahren gegen die Beteiligten kosten natürlich dann auch Geld.

Aber Korruption zu betreiben und sie gleichzeitig zu bekämpfen? Diese Art der Logik wird mir auch im Blickwinkel von Terrorbekämpfung und Gefahrenabwehr für die nationale Sicherheit nicht wirklich deutlich.

P.S.:
Da war doch mal was in den 60er, 70er und 80er Jahren in Panama mit der CIA und Herrn Manuel Noriega. Dies wurde politisch im Nachhinein von relevanten US-Institutionen deutlich verurteilt.

Und wie lautet schließlich einer der zentralen Werte des CIA: Integrity. We uphold the highest standards of conduct. We seek and speak the truth—to our colleagues and to our customers.

Na, da könnten die verantwortlichen Klienten des CIA im Fall von Afghanistan ja mal nachfragen.

Verschobene Wahrnehmung

Eins vorweg: Jeder Tod und jede schwere Verletzung bringen Schmerz für die Betroffenen. Das gilt für alle Ereignisse, ob nun Erbeben oder Bombenanschlag. Wenn das Ereignis allerdings von Menschen bewusst und gewollt so gemacht ist, dann kommen je nach Anlass Angst, Ohnmachtsgefühl und Wut der Bevölkerung hinzu und es heißt Terror.

Es soll im Folgenden nun nicht darum gehen Menschleben oder Leid abzuwägen, da wohl jeder einzelne sein Recht auf unverletztes und würdevolles Leben hat, dem aus ethischer Sicht kein Geldbetrag gegenüber steht. (Was bei versorgungs- und versicherungstechnischen Betrachtungen sicherlich anders ist.)

Das Bombenattentat vom 16.04.2013 beim Marathon im amerikanischen Boston hatte nach jetziger Kenntnis laut Medien 3 Todesopfer. Zudem wurden über 100 Menschen teilweise schwer verletzt.

Sofort war das Ereignis als „Breaking News“ rund um die Welt kommuniziert, die nachfolgende Fahndung ebenso. Tausende von Sicherheitskräften waren an der Ergreifung der mutmaßlichen Täter beteiligt. Über ihre Arbeit wurde rund um den Globus permanent berichtet.

Einen Tag nach dem Ereignis explodierte eine andere Bombe an anderer Stelle. Dabei starben 10 Mal so viele Menschen und auch hier wurden etliche schwer verletzt. Der Anschlagsort war jedoch ein Café im irakischen Bagdad. Weltweit war es daher eher eine Randnotiz am Tag des Ereignisses. Eine Nachberichterstattung fand international kaum statt.

Obwohl es bei den Anlässen friedlicher Geselligkeit in Bagdad 30 Tote und in Boston 3 gab, wurde über das Ereignis in Amerika sicherlich mehr als 1.000fach intensiver berichtet und kommentiert.

So blenden wir als Zuschauer, ohne es zu merken bestimmte Sachen aus. Unser Bewusstsein wird auf ganz spezielle Weise gefiltert geprägt.

Insgesamt kein Einzelfall, denn die Berichterstattung ist ja eine Dienstleistung und die Zeitung eine Handelsware. Volkswirtschaftlich etwas, das deutlich von der Nachfrage geprägt ist. Und unsere Nachfrage richtet sich nach dem Grad der persönlichen Betroffenheit und unserem Verlangen nach Neuigkeiten. Das wird auch an anderen Zahlen deutlich.

In Afghanistan gab es in den letzten 5 Jahren fast 10.000 – 15.000 zivile Todesopfer. Hinzu kommen die militärischen Verluste auf allen Seiten. Bei den Kräften der Koalition waren dies etwa noch einmal genau so viel, wobei der überwiegende Großteil Afghanen waren.  Statistiken zu Getöteten bei den Taliban und Al-Qaida sind dabei kaum möglich, zumal diese Gegner oft im zivilen Leben beheimatet sind.

Hierzu ein Vergleich: Im mexikanischen Drogenkrieg gab es im gleichen Zeitraum mehr Tote. Auf  35.000 bis 50.000 Tote wird die Zahl der letzten 5 Jahren geschätzt. Allein in der Stadt Ciudad de Juarez überstieg die Zahl der Ermordeten über 3.000 Menschen pro Jahr.

Mit dem mexikanischen Drogenkrieg stiegen zudem laut Bericht der Vereinten Nationen (UNODC) auch die Todesdelikte im benachbarten Guatemala. Jedes Jahr wurden seit 2006 in dem kleinen Land über 1.000 Menschen umgebracht. Dies entspricht einer Quote von meist deutlich über 100 Toten pro Jahr je 100.000 Einwohnern. Somit gibt in manchen Jahren mehr als 100 mal so viel Tötungen pro Einwohner wie in der deutschen Hauptstadt Berlin.

Und doch sind unsere Bilder von Mexiko und Guatemala im Kopf traditionell mit Urlaub, Maya-Tempeln und Indiomusik besetzt.

Aus Afghanistan (wo Drogen durch die etwa 90%ige Versorgung des Weltmarktes mit Heroin auch eine zentrale Bedeutung haben) hingegen kommt nur Kriegsberichterstattung. Etwas anderes scheint auch nicht nachgefragt. Berichte über das wunderschöne schöne zentrale Hochland der Provinz Bamyan oder andere touristisch erschließbare Gebiete sind doch eher selten aus dem Land am Hindukusch.

Und so fahren wir zu den Überbleibseln der indigenen Hochkultur in das statistisch deutlich gefährliche Guatemala oder zum Badeurlaub nach Mexiko. Und das, obwohl die vergleichsweise sogar recht sichere Provinz Bamyan im Herzen Afghanistans Tourismus auch gut gebrauchen könnte und voll ist mit Naturschönheiten. Nur finden sich diese in keinem Tourismus-Katalog.

Und es ist keiner da, der unseren Fokus richtet und unser Interesse lenkt.

Der mexikanische Drogenkrieg jedoch könnte unsere Wahrnehmung und unsere Aufmerksamkeit schon bald erreichen. Laut Europol drängen diese Banden mehr und mehr zu uns nach Europa. Und dieses Drängen wird seinen Weg mit traurigen Anlässen in die Medien finden. Und die Nähe wird uns persönlich treffen.

Weit mehr als die Situation in Syrien, wo in etwas mehr als einem Jahr  über 60.000 Menschen starben.

Und auch weit mehr als die Situation im Kongo, wo mehrere Millionen Menschen im Bürgerkrieg fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit starben, staatliche Strukturen sich auflösten und auch heute noch ein tödlicher Kampf um Rohstoffe für unsere Handys und Spielekonsolen an der Tagesordnung ist.

Doch ganz gleich ob Boston oder Berlin, ob Mexiko, Afghanistan oder Kongo:

Die nicht gelebte Zukunft eines unschuldig getöteten Kindes wird in keinem Land der Welt mehr lebbar sein. Und wenn wir vieler Kinder Zukunft überhaupt lebbar machen wollen, sollten wir vielleicht unseren Blick auf diese Welt ab und an etwas neu fokussieren ohne das Bekannte zu vergessen, denn die Welt dreht und ändert sich.

Surfen verändert dein Leben ….

In Filmen gibt es sie. Diese Surfer, die sich auf das Wesentliche ihrer Welt konzentrieren – aufs Surfen. Alles andere wird dabei zur Nebensache oder findet einfach nicht statt. Wer einmal mit dem Surfen anfängt, dessen Leben ändert sich radikal, so heißt es. OK – aber trifft das auf jeden zu? Stimmt das auch bei mir? Klappt das in jungen Jahren und auch im Alter? Ist die Änderung unausweichlich und dem Surfen innewohnend?

Da ich das Privileg hatte, in einigen Regionen gewohnt zu haben, die als Surferparadiese bekannt sind, kenne ich diese Sonderspezies der Gattung Mensch. Habe Surfer oft gesehen, mit ihnen geredet und keine Berührungsängste. Relaxt schienen sie immer. Freundlich und meist in Neopren gewandet mit einem Brett dabei.

Für eine persönliche Annäherung an die spezielle Materie an sich hilft allerdings nur der Selbstversuch. Also – Internet durchsucht und gebucht. Eine Woche später stehe ich weit weg vom deutschen Winterfrost in Moro Jable auf der spanischen Kanareninsel Fuerteventura, eine der vulkanischen Inseln vor der Küste Afrikas. Ganzjährig bestes Wetter bei leicht eintöniger Landschaft und exzellente Surfbedingungen für meine Surfkurs-Woche.

Erster Tag: Trotz des möglicherweise gravierenden Umschwungs in meinem zukünftigen Leben brauche ich wenig zum Kurs. Kleine Ausrüstung – große Wirkung. Also Handtuch, Sonnencreme, Essen und Trinken im Rucksack und ab mit dem Jeep und anderen Neulingen zum Strand. Große Dinge fangen eben oft klein an. Ich soll auf dem Brett liegen und wie ein Adler mit den Wellen zum Strand gleiten. Nicht immer komme ich richtig in den schwebenden Flug des Adlers. Statt dessen merke ich nach einiger Zeit eins. Der Adler wird müde. Der erste Tag endet dann mit einem feinen Muskelkater an Stellen, die ich bislang muskelfrei wähnte.

Zweiter Tag: Langsam an den Tag gewöhnen und dann wieder in der Gruppe mit Brettern zum Strand. Neoprenanzüge anziehen, Aufwärmen, Strömungen erklärt bekommen und dann in die Wellen. Diesmal kommen sie lang, nicht zu hoch und schön gleichmäßig. Ein Traum für alle Anfänger. Ich habe ein Longboard bekommen, das mich bei Weitem überragt. Es liegt total stabil im Wasser und eigentlich sollte es leicht sein aufzustehen, wenn ich vor der Welle gleite. Ist es aber nicht. Und ich glaube, das liegt an mir. Aus dem Liegen schnell in einen sicheren geduckten Seitstand zu kommen, habe ich so spontan irgendwie nicht drauf. Aber es hat sich immerhin ein besseres Gefühl für Brett und Wellen eingestellt. Auf dem Rückweg sprechen wir noch kurz über den legendären alten Film „Endless Summer“ von 1966. Mit ihrer Surfreise um die Welt folgten die Macher dem Sommer. Ein cineastisches Monument, das auch heute noch – fast ein halbes Jahrhundert später  – bei Surfern bekannt ist.

Dritter Tag: Alles wird gut. Heute soll ich einen „Take-Off“ machen und auf dem Brett stehen. Ich bin gespannt. Die Trockenübungen am Strand verlaufen OK. Im Wasser allerdings sieht es dann anders aus. Es sind kurze Wellen, die gerade brechen mit viel und viel Schaum produzieren. Das Aufstehen fällt nicht nur mir schwer. Irgendwie schafft es keiner richtig, aber der nächste Tag ist ein neuer Tag mit neuer Chance.

So langsam beginne ich zu begreifen, dass es mir vielleicht beim Surfen nicht nur um das Gleiten auf einer Welle geht. Vielmehr ist es das Einlassen auf etwas Neues. Das sich der Natur Unterordnen und sie zur eigenen Freude nutzen.

Vierter Tag: Die Bedingungen sind gut. Lange Wellen, die sich immer schräg zur Küste brechen. Jetzt muss ich es nur noch schaffen, meinen Körper in die richtige Position zu bringen und das möglichst schnell. Immerhin stehe ich irgendwann kurz auf dem Brett, wobei die Betonung auf kurz liegt.

Surflehrerin Katie hatte ich einfach mal gefragt, was ich tun müsse, um Surfen zu lernen. Ihre  Antwort: „Immer üben, üben, üben und wissen, dass du nie mit dem Lernen fertig wirst.“

Soll heißen, es gibt immer eine noch größere, bessere Welle da draußen und deine Fähigkeiten ändern sich, ebenso wie es viele verschiedene Surfbretter gibt. Keiner kann wohl das, was Natur, Technik und eigene Fähigkeiten zusammen bieten in allen Kombinationen perfekt lernen.

Nun denn, ich bin mit meinem vierten Tag zufrieden. Es gab das Meer und Wellen, ein Anfängersurfbrett und mich mit begrenzten Möglichkeiten. Aber ich habe mich verbessert. Wenn auch nicht viel. Doch die Skala ist ja nach oben offen.

Fünfter Tag: Der letzte Tag. Jetzt und hier für mich die letzten Wellen - die letzten Chancen. Es ist bedeckt, der Wind bläst kühl. Ich gehe weiter raus. Da sind die Wellen kraftvoller. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellt. Schon bei der zweiten Welle werde ich wunderbar nach vorne getragen und kann in aller Ruhe aufstehen. Leider klappt es mit dem Lenken dann nicht so wie geplant und ich bin schon bald wieder in der Gischt, im flachen, weißen Wasser.

Egal. Das Gleiche gelingt mir dann noch ein paar Mal. Ein mir wichtiges Etappenziel ist erreicht. Insofern leiste ich mir den Luxus und höre etwas früher auf als die Wellen nachlassen. Am letzten Tag möchte ich mir den schönen Abschluss nicht kaputtmachen. Also – das war’s für den Anfang.

Fazit: Ich war eine Woche weg. Raus aus dem Trott. Frühling im Winter. Etwas Neues habe ich gelernt oder mich zumindest bemüht. Die Sache an sich, also das Surfen, werde ich wohl noch einmal versuchen. Da habe ich auch als älterer Mensch noch alle Zeit der Welt. Ich will ja keine Meisterschaft gewinnen. Was die körperliche Beanspruchung betrifft, ist Surfen eine sanfte Sportart, die den ganzen Körper fordert. Also etwas, das auch im Alter noch geht und keine Gelenke kaputtmacht.

Das eine Gute: Die Herausforderung wird immer bleiben – ganz gleich, welchen Level ich erreiche.

Das andere Gute: Die Leute, die ich traf, die mit mir surften, waren international, offen, relaxt und hatten Spaß, bei dem was sie taten – eine gute Gesellschaft.

Also: Ich werd’s wohl noch mal probieren. Große Veränderungen brauchen Zeit.

Der unsichtbare Blutfleck auf meiner Jeans

Derzeit häufen sich die Meldungen über Tote in asiatischen Bekleidungsfabriken. Gerade noch waren es über 100 Tote bei einem Brand in Dhaka/Bangladesh. Im September starben fast 300 Arbeiterinnen und Arbeiter in Karatschi/Pakistan. Gestern brannte wieder eine Fabrik.

Die Kleidung, die sie dort machen, ist auch für uns. Wir kaufen sie bei multinational agierenden Unternehmen. Entscheidendes Kriterium ist der Preis. Sicherheit aber kostet Geld. Und da haben wir nun ein Problem.

Wie bekommen wir es hin, hier gute Kleidung kaufen zu können, ohne dass woanders Menschen dafür sterben? Schließlich sagt wohl keiner gerne „Meine Jeans hat Menschenleben gekostet.“

Im Vorschlag ist da derzeit die „unternehmerische Verantwortung“ als Lösung. Ein durchaus guter Vorschlag, wenn nur der Kunde nicht so auf den Preis schauen würde. Da kommen dann doch wieder Dumping-Preise bei raus.

Aber was ist mit Gütesiegeln im Handel?
Wie ein „Fair Trade“ Kaffeesiegel könnte doch auch „Fair Made“ Bekleidungssiegel dem Kunden bekannt gemacht werden.
Was ist mit politischen Lösungen?
Wir haben EC-Normen für Produkte. Können diese nicht auch regelnd auf den Herstellungsprozess ausgeweitet werden?
Was ist mit der Entwicklungszusammenarbeit?
Könnten wir nicht auch für die Herstellung ein klein wenig mehr deutsches TÜV-Know How und dessen politische Umsetzung exportieren?

Klar – meine Hose würde dann teuerer. Aber ich könnte sie ja einfach mal ein paar Monate länger tragen, dann wäre der Preis der alte. Mir persönlich ist jedoch eine saubere alte Jeans allemal lieber als eine neue mit Blutflecken (auch wenn man sie nicht sieht).